Alle Speaker: Lernt von Kinski!

Für viele ist Kinski ja nur ein armer Irrer, ein Psychopath. Für mich nicht. Kinski hörte einfach nur extrem gut zu. Er hörte nicht mit seinen Ohren zu, sondern mit seinem Instrument.

Für einen Schauspieler ist das emotionale Zentrum, das Instrument, das Zentrum seiner Kraft. Hier ist die Kreativität, das originelle, das unkorumpierbare, das schöpferische. Das Instrument spricht wahrhaftig und authentisch. Kinski war ein Vollblut Künstler und für ihn war es selbstverständlich damit zuzuhören. Das Instrument kann aber eines schlecht: Small Talk halten. Small Talk ist der gesellschaftliche Level auf dem wir uns alle jeden Tag verständigen. Das Instrument hasst Small Talk. Es hat keine Geduld und ist nicht höflich. Es überhört nichts und folgt jedem Impuls der zwischen uns passiert. Es reagiert auf Verhalten und nicht auf Worte. Ihm ist egal, ob man ein Kompliment bekommt. Es fühlt sich betrogen und belogen, wenn man gute Miene zum bösen Spiel macht und akzeptiert keine falschen Töne. Es ist dafür verantwortlich, das Belanglose interessant zu machen. Es ist der Teil in uns der spürt.
Kinskis Instrument war groß und er ließ ihm freien Lauf. Er scherte sich einen Dreck darum was andere von ihm dachten. Er ruinierte seinen Ruf um frei zu sein. Die Freiheit, die ein Künstler braucht um schöpfen zu können. Der Künstler kann sich nicht nach den Kriterien und Maßstäben anderer richten, denn es ist sein Ziel, die Maßstäbe und Kriterien in Frage zu stellen. „My mother taught me well, so I rebell.“ Es ist nicht nur nicht möglich, es wäre auch schade diesen Skill der gebildet wurde im Privatleben abzustellen. Er wird zur zweiten Natur. Man hört nicht mal zu und mal nicht. Es gibt eine Szene aus einem Theaterstück mit Kinski. Er steht in der Mitte der Bühne und schreit „Ich brenne“. Und Kinski brannte. Wieso sollte man nicht jede Minute auf der Bühne brennen?

Ich möchte keinem empfehlen sich so zu geben wie Kinski. Es könnte auch niemand, da er ziemlich talentiert war und selbst in seinen cholerischen Ausbrüchen immer noch ein gehörig Maß an Kontrolle über sein Handwerk besaß. Kinskis Präsenz auf der Bühne und seine Kompromißlosigkeit, würden einigen Speakern jedoch gut zu Gesicht stehen.

Für jeden Speaker gilt es in jeder Sekunde auf der Bühne echt und natürlich zu sein. Der Bühnenmensch nimmt sich die Freiheit seine Bühne für sich zu nutzen. Der Bühnenmensch fragt nicht ob er darf, er tut. Das ist sein Job. Er ist auf der Bühne um dort die Impulse zu geben, die Menschen im täglichen einerlei eben nicht bekommen, und die sie eher zurück halten.
Menschen gehen ins Theater um Geschichten des Lebens zu sehen und der Job des Spielers ist, dem Zuschauer zu ermöglichen im geschützen Raum zu fühlen. Das auszuleben, was im Alltag eben nicht erlaubt oder erwünscht ist.

Die Bühne ist dafür geschaffen eben diese Momente nicht zurück zu halten. Daher sollten Speaker genau wie jeder andere Mensch, der sich auf einer Bühne bewegt, ihr Instrument trainieren, oder sich zumindest darüber bewusst sein, das es in uns wohnt und eine ungeheure Kraft hat. Eine Kraft, die wir eben benötigen, um auf der Bühne zu überzeugen.

Daher:

Kämpft um eure Speech!

Lasst euch in der Vorbereitung auf eure Speech nicht verbiegen! Einige Auftraggeber verlangen Einsicht in eure Speech und wollen daran mitarbeiten oder Einfluss auf den Inhalt nehmen. Natürlich stellt euch der Auftraggeber die Bühne zur Verfügung und ihr solltet mit diesem Vertrauensvorschuss verantwortungsvoll umgehen. Aber ihr seid die Speaker und Experten für euer Thema. Es ist eure Speech und ihr wisst im besten Fall, wie dieser Inhalt am nachhaltigsten präsentiert wird. Ihr werdet nicht dafür bezahlt zu gefallen, oder in einen Rahmen zu passen, sondern Impulse zu geben. Das ist der Grund, warum es Bühnen gibt.