Im Rahmen der Ausbildung zur Improspielerin der NowHere Akademie ist das Ziel, Methodiken des klassischen Schauspiels für die Arbeit im Improvisationsschauspiel und umgekehrt zu entwickeln. Hierbei von „Entwicklung“ zu sprechen ist vielleicht übertrieben. Vielmehr versuchen wir bestehende Konzepte miteinander zu verbinden.
So auch im Konzept ‚Meisner meets Spolin‘. Hierbei trifft eine Schauspieltechnik auf ein Konzept der Improvisation. Um die Parallelen zu verstehen, bedarf es einer Einführung.
Die Meisner-Technik
Sanford Meisner begründetet in den 40er Jahren seine Meisner Technik, die sich darauf fokussiert die Interaktion zwischen Spielenden zu fördern. Die Methodik basiert im Kern auf der Repetition-Übung, die auf Basis improvisierter Übungen das impulsbasierte Handeln fördert und den Kontakt zwischen den Spieler:innen durch genaues Beobachten und Zuhören intensiviert. Frei nach dem Motto „Contact is everything“ stellte Meisner den Grundsatz auf „Die Quelle deiner Inspiration bist nicht du, sondern dein Gegenüber“.
Das Ergebnis sind Übungen, die im fortgeschrittenen Stadium improvisierten Szenen ähneln, die als Grundlage einzig die Präsenz der beteiligten Spieler:innen hat. Schon hier wird deutlich, welchen Mehrwert diese Herangehensweise für Spieler:innen bietet, die nun Szenen ohne Input, ohne Vorgaben rein aus dem Moment entstehen lassen können.
Viola Spolins „Improvisation for the theatre“
Zur gleichen Zeit wie Meisner entwickelte Viola Spolin ihr Konzept des Schauspiels. Sie war eine Assistentin in Neva Boyd’s „Group Work School“, die mit traditionellen das soziale Verhalten von Kindern von Immigranten und sozialer Unterschicht positiv zu beeinflussen. Spolin erkannte, dass man mit Theaterspielen, kleinen Aufgaben die von Spieler:innen gelöst werden müssen, individuelle Fähigkeiten für kreativen Selbstausdruck freisetzen kann.
Schon hier wird deutlich, das beide Konzepte das gleiche Ziel in sich tragen: Ungehindertes Freisetzen von Kreativität unter Zuhilfenahme von Fokus auf äußere Prozesse. Bei diesen Konzepten handelt es sich nicht um Formate oder Games, sondern um konkrete Methodik und einen spezifischen psychologischen Ansatz.
Aber wo GENAU ergänzen sich Meisner und Spolin und was sind die Gemeinsamkeiten?
Der Fokus auf den Partner und die Umgebung
Viola Spolin ist bekannt für die Aussage „Out there, not in here“. Für sie war Schauspiel ein räumliches und relationales Phänomen. Die Bühne ist gefüllt mit Objekten, Atmosphäre und einem Ort und der Spielpartner ist Teil dieser Umgebung. Ihre Übungen trainieren den Spieler:innen, diese Umgebung als real zu behandeln: Wo bin ich? Was tue ich hier? Wer ist der andere für mich in diesem Raum?
Sanford Meisner nannte das „The reality of doing“. Die Spielpartner:in wird zur Realität und die Repetition-Übung trainiert die impulsbasierte Reaktion auf das was wirklich mit dem gegenüber passiert – nicht das was die Spieler erwartet oder geplant haben. Der Fokus wir verlagert auf das Gegenüber, gleichzeitig beginnt man auch den Raum und die Realität zwischen den Spielenden wahrzunehmen und sich zu eigenen Impulsen zu verhalten.
Spontanität
Spolin erzeugt Spontanität durch Struktur. Das muss kein Widerspruch sein, denn Spolin erklärte was sie damit meinte: Freiheit entsteht nicht durch das Fehlen von Regeln, sondern durch das Loslassen von Kontrolle innerhalb von Regeln.
Ein Musiker kennt Akkorde und Noten. Innerhalb dieser Regeln kann er sich frei entfalten und seine Virtuosität entwickeln, indem er mit der Tonleiter, bestehend aus vorgegebenen Noten, frei improvisiert.
Meisner gelangt zum selben Ziel auf anderem Weg: Spontanität ist kein Talent und keine Technik – sie ist das natürliche Ergebnis echter Aufmerksamkeit. Wenn ich wirklich zuhöre, wirklich sehe, wirklich fühle, was der andere tut, entsteht meine Reaktion von selbst, sie muss nicht erfunden werden. Und vor allem ist sie eine direkte Reaktion auf den Moment. Wir haben uns nicht zuhause entschieden wie wir etwas spielen, sondern reagieren auf äußere Reize im Hier und Jetzt.
Präsenz
Spolin war der festen Überzeugung, dass Spieler:innen nicht durch Anweisungen oder psychologische Analyse besser werden, sondern durch Spielen. Wenn wir einen Ball hin und her werfen, denken wir nicht „Wie wirke ich gerade?“, sondern wir denken „Wo ist der Ball?“ Auch hier greifen wieder Regeln, die uns erst erlauben kreativ zu sein. Die Regel heisst hier Konzentration, oder in Spolins Vokabular „Point of Concentration“.
Meisners berühmteste Definition von Schauspiel scheint paradox: Die Umstände sind erfunden, aber das Erleben muss echt sein. Es geht nicht darum, Emotion zu simulieren, sondern sie wirklich zu haben – ausgelöst durch das, was der Partner im Moment tut.
Das Wort „erleben“ ist dabei zentral: nicht darstellen, nicht zeigen, sondern erleben. Meisner unterschied scharf zwischen dem Schauspieler, der eine Emotion spielt, und dem, der auf eine echte Situation reagiert. Genau wie bei einem Ball, den wir werfen, führen wir reale Handlungen durch. Die Emotion entstehen im Laufe des Prozesses. Sie sind nicht vorher erfunden, sondern eine Reaktion auf wirklich Erlebtes.
Als Fazit bleibt, dass es immense Gemeinsamkeiten zwischen den Konzepten gibt. Heisst eine Übung bei Sanford Meisner „Knock at the door“, so bennent Viola spolin sie „Who’s knocking?“. Ziel ist immer das Einlassen auf den Partner und das Kreieren von Geminsamen aus dem Hier und Jetzt.
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